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Erika Manns Buchtipps

Viele politische Bücher und zum Glück auch manches Belletristische bekomme ich über das Jahr in die Hände. Das müssen nicht immer nur Neuerscheinungen sein. Wenn ein Buch interessant ist, schreibe ich Ihnen an dieser Stelle mehr darüber...


The great European Rip-Off
"The great European Rip-Off", by David Craig and Matthew Elliott, Arrow Books Ltd.

It's a book written by David Craig (Pseudonym) and Matthew Elliott. In case you like to know the worst about the European Union you will find it here - if it is true is another story!

John F. Kennedy "A New Social Order"

Frankfurt am Main 1963

Zugegeben, dies ist kein Buch, sondern eine Rede, die der damalige US-Präsident Kennedy fünf Monate vor seinem Tod in der Frankfurter Paulskirche hielt. Die Rede, die wir am Seitenende als PDF-Datei angehängt haben, strahlt aus der Vergangenheit in die Gegenwart - so wie manches ältere Buch, an das ich an dieser Stelle erinnere.

JFK beschwört darin als transatlantischen Partner der Zukunft ein vereintes Europa, das wir in diesen Tagen, 'nur' 41 Jahre später verwirklichen: "we have and now look forward to a Europe united and strong -- speaking with a common voice -- acting with a common will--a world power capable of meeting world problems as a full and equal partner." Und er betont: "This is no fantasy. It will be achieved through concrete steps to solve the problems that face us all: military, economic and political." Wie schön wäre es gewesen, gemeinsam mit einem sehr alten John F. Kennedy die Verwirklichung seiner Vision am 1. Mai zu feiern...


Richard Sennett "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität"

Frankfurt am Main 1974

In "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens" behandelte Richard Sennett bereits 1974 "The Fall of Public Man", also das zunehmend kritische Verhältnis zwischen Öffentlicheit und Privatheit.

"Der öfffentliche Raum stirbt ab" sagt Sennett, die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit verschwinden; das Öffentliche wird privat und das Private wird öffentlich. Die Bild-Zeitung praktiziert dies täglich und man kann es ihr noch nicht einmal vorwerfen. Wir alle als tägliche Leser goutieren diese Grenzsüberschreitungen; wir zucken nur dann zusammen, wenn es uns selbst betrifft oder wenn Personen, die wir als 'anders' einschätzen, in einem Zusammenhang auftauchen, den wir als zweifelhaft sehen.

Sennett vergleicht den Untergang Roms mit der heutigen Zeit insofern, als er Gemeinsamkeiten sieht "in Hinsicht auf das Gleichgewicht zwischen öffentlichem Leben und Privatleben. Als das Augusteische Zeitalter zu Ende ging, begannen die Römer, ihr öffentliches Leben als lästige Pflicht und Formalität zu behandeln." Später im Text schreibt er: "Auch heute ist das öffentliche Leben zu einer Pflicht- und Formsache geworden."

Den Unterschied zwischen der römischen Betrachtung und der Gegenwart sieht er darin, was Privatheit bedeutet. "Der Römer war bestrebt, im Privaten und gegen die Öffentlichkeit ein anderes Prinzip zu errichten, das auf der religiösen Transzendierung der Welt fußte. Wir dagegen suchen in der Privatspäre nicht nach einem anderen Prinzip, sondern nach einem Spiegelbild, nach dem, was an unserer Psyche, an unseren Gefühlen authentisch ist. Wir versuchen Privatheit, das Alleinsein mit uns selbst, mit der Familie, zum Selbstzweck zu machen".

Beschreibt dies nicht treffend die öffenliche Privatheit von Sportlerfamilien wie von Kahn, Beckham und anderen? Und erlaubt diese Nähe zwischen Öffentlichen und Privaten es nicht auch bestimmten Zeitungen, öffentliche Personengruppen als nicht integer zu sehen; vielleicht weil der Raum der Öffentlichkeit, den sie in ihren Medien erzeugen, kaum noch ein Bild von Integrität erlaubt?


Hans Magnus Enzensberger "Ach Europa!"

Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1987

In seinem Buch "Ach Europa" veröffentlichte Enzensberger noch vor dem Fall der Mauer eine Sammlung von Artikeln, die Europa aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und die auch heute lesenswert ist.

Seine literarische Reise durch den Kontinent beginnt 1982 in Schweden und endet 1987 in Böhmen. Sie führt durch Italien, Ungarn, Portugal, Norwegen, Polen und Spanien. Es ist wirklich eine Reise durch Europa und nicht durch die Europäische Union. In der Zwischenzeit ist es ja üblich geworden, Europa identisch mit der Europäischen Union zu betrachten und darüber zu vergessen, dass Europa mehr ist - sowohl geographisch als auch philosophisch.

Enzensberger beschreibt den Prozess der Anonymisierung der Macht in Schweden, den institutionalisierten Egoismus in Italien, Verdrängungsmechanismen in Ungarn, geduldige Resignation in Portugal, vergesellschafteten Reichtum in Norwegen, Verbitterung und Stillstand in Polen.

Im Epilog kommen wir unserer Gegenwart auf reizvolle Weise nahe, denn er nimmt die Perspektive von Timothy Taylor ein, einem Amerikaner, der einen Artikel mit dem Titel "Böhmen am Meer" im "New New Yorker" des 21. Februar 2006 veröffentlicht.

Dieser Taylor beschreibt die traurige Realität einer deutschen Kneipe nach dem Abzug der Amerikaner aus Ramstein, die zynische Atmosphäre bei einer Versteigerung von kostbarem französischen Wein in Den Haag nach einer Atomexplosion in Frankreich - und die trostlose deutsche Realität in Berlin nach einer Quasi-Wiedervereinigung ohne Aufhebung der unterschiedlichen politischen Systeme.

In Norwegen trifft er den ehemaligen Präsidenten der Europäischen Gemeinschaft, Erkki Rintala. Aus dem Gespräch geht hervor, dass die Europäische Gemeinschaft sich distanziert hat von einigen Idealen: "wir haben jahrzehntelang eine Chimäre verfolgt: die europäische Einheit ... Der sogenannte Europa-Gedanke lief auf die Absicht hinaus, den großen Blöcken einen großen Block entgegenzusetzen." Taylor entgegnet auf diese Überlegungen: "Sie wollen also, wenn ich sie richtig verstehe, eine europäische Einheit ohne Einheit".

In Bukarest trifft er auf die Moderne, die den american way of life zelebriert: die Amerikanisierung Europas findet hier statt. In Prag findet er die europäische Geschichte, die Moderne und die Absurdität: Böhmen liegt am Meer. Die Geschichte endet damit, dass Taylor, zurück in New York sein chaotisches und wildes Amerika vorfindet. Er findet den Zettel wieder, den ihm der Taxichauffeur in Prag in die Hand gedrückt hat. Auf dem Zettel findet er ein Gedicht von Ingeborg Bachmann:
Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich aufs Land.
Bin ich's, so ist's ein jeder, der ist soviel wie ich.
Ich will nicht mehr für mich. Ich will zugrunde gehn.
Zugrund - das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder.

Enzensbergers Taylor ist der Betrachter einer Europäischen Gemeinschaft, die gespalten und verunsichert ist. Modern im Osten und müde im Westen. Hat Donald Rumsfeld, der führende Unterscheider von altem und neuem Europa, vielleicht auch seinen Enzensberger gelesen?


Nick Danziger: Danziger's Britain - A Journey To The Edge

Flamingo, London, 1997

Nick Danziger beschreibt eine traurige Realität unserer Gesellschaften. Er erzählt Lebensgeschichten von Personen in Großbritannien, die aus unterschiedlichen Gründen am Rande der Gesellschaft leben, wegen Drogenabhängigkeit, mangelnder Ausbildung, der De-Industriealisierung mit allen Folgen, extremer Arbeitslosigkeit, vernachlässigten Kindern und Jugendlichen.

Armut in der Stadt und auf dem Land. Abhängigkeit von Konsumsymbolen und Fernsehen, Alkohol, verwahrloste Unterkünfte, lieblose Wohnviertel, Gewalt und Hoffnungslosigkeit. Und frühe Geburten: Kinder bringen Kinder zur Welt. In England, in Wales, in Schottland, in Cornwall, in Irland beschreibt er diese Situation, und ich würde die Liste fortsetzen und sagen: in Deutschland, in Frankreich, in Spanien, in den USA und wahrscheinlich überall auf unserer Welt gibt es ähnliche Situationen.

Und trotz der Hoffnungslosigkeit beschreibt Danziger einzelne Lichtblicke: Die Ironie über das eigene Schicksal. Die Liebe zu den Kindern. Die Liebe überhaupt, verzweifelt und traurig oft beschrieben. Witz und Humor. Suche von Lebensfreude in banalen Ereignissen:

"Amanda, Vicki and Sarah, like many I had met, had no notion of time; they lived entirely in the present. The only set times that marked their lives were when their favourite soap operas were on television, the hours they put in at their part-time job, and school, although they were often late and sometimes absent."

oder

"From breakfast till bedtime the 24-inch screen flickered with dreams, products and services which promised pleasure. Drugs and television were their opiates, both left a keener hunger and made reality even more loathsome: there was no other magic in their lives. The television images seemed to intoxicate them, they seemed to turn away from the screen a little drunk or a little desperate - for a while they had lost themselves in happiness"

Nehmen wir es zur Kenntnis?
Sehen wir diese Realität?
Tun wir etwas dagegen?


Robert Kagan: Paradise And Power
America And Europe In The New World Order

Atlantic Books, London, 2003

In "Paradise and Power" setzt Kagan seine Auseinandersetzung zur politischen Schwäche Europas fort, die er im vergangenen Jahr mit einem Artikel "Power and Weakness" (Policy Review) eröffnet hatte. Zugespitzt ist seine These, dass Europa eine strategisch orientierte Kultur von sanfter Macht (soft power) entwickelt hat, die im Gegensatz zur politischen und militärischen Stärke der USA steht. In amüsanter Anspielung an das Buch von Chris Evett "Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus" behauptete Kagan in seinem Artikel, Amerikaner kommen vom Mars und Europäer von der Venus.

Gründe für die Schwäche sieht er unter anderem in der Distanzierung von einer gewaltbesetzten Vergangenheit vieler europäischer Staaten und in der Entwicklung eines idealen Europas, das sich orientiert an hohen moralischen Werten von "Machtpolitik". Kant versus Hobbes also.

Sein neues Buch ist eine Art Variation des alten Themas. Interessant finde ich, dass seine Schlussfolgerung in eine Art Appell mündet, nämlich, dass Europäer und Amerikaner trotz der machtphilosophischen Unterschiede einen Weg der Kooperation in politischen und militärischen Sinn finden müssen. Einen Weg der Kooperation, den sie im wirtschaftlichen Bereich, trotz der vielen Handelsauseinandersetzungen, bereits gefunden haben. Im wirtschaftlichen Bereich ist Europa stark und kompetent und dies wird sich durch die Stärke des Euros noch verstärken.

Nicht überraschend kommt er zu dem Ergebnis, dass die Europäische Union dann zu einer politischen Weltgröße wird, wenn ihr sicherheitspolitischer Pfeiler gestärkt wird - freilich in der NATO. Allerdings sieht er, dass die Europäische Union sich entfernt von ihrem moralischen Gerüst, dass die westliche Welt nach dem Krieg zusammengehalten hat, nämlich dem Konzept "the West".

In vielen Punkten stimme ich mit Kagans Argumentation nicht überein, ich schätze allerdings seinen provokativen Blick auf die EU. Wichtig ist, dass wir bewusst und klar im Rahmen der Entscheidung für eine Verfassung der EU uns für die Weg der Stärkung der EU entscheiden.


Andrew Keen

Andrew Keen, a digital media Silicon Valley entrepreneur who more recently has taken to writing and lecturing on issues relating to the Internet, culture and the media is the author of a very provocative read: "The Cult Of The Amateur". More information can be found here.


"Die EU und ihre Verfassung. Linke Irrtümer und populäre Missverständnisse zum Vertrag von Lissabon"

Sylvia-Yvonne Kaufmann/Jens Wolfram; Merus Verlag

Aktualisierte und überarbeitete Zweitauflage

Mit einem Vorwort von Daniel Cohn-Bendit

„Der quälende, sich schon seit Jahren hinziehende Streit über einen neuen Vertrag für die Europäische Union hat auch die Buchproduktion über Europa angekurbelt. Selten jedoch konnten die dabei entstandenen Werke der Politiker und Staatsrechtler das politisch interessierte Publikum fesseln. Das Buch ‚Die EU und ihre Verfassung’ ist anders. Es ist weder abstrakt, noch langweilig, sondern eine spannende Lektion in Demokratie und politischem Mut.“

Cornelia Bolesch, Süddeutsche Zeitung, 18. Juni 2007

Mehr Informationen finden Sie hier.

25. Mai 2009 16:13

http://erikamann.com/erikamann/erikamannsbuchtipp
30. Juli 2010 08:28
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