Haltung von Erika MannDas aktuelle Genmais-Verbot, das Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner am 14. April 2009 aussprach, zeigt leider erneut, wie stark das Thema „grüne Gentechnologie“ innerhalb Deutschlands und der Europäischen Union emotionalisiert und politisiert wird.
Auch wenn die Geschäftspraktiken des US-Konzerns Monsanto in vielen Bereichen zu kritisieren sind – sollte man aus politischen Gründen das hochinnovative Forschungsfeld mit gentechnisch veränderten Pflanzen (die „grüne Gentechnologie“) nicht per se verbieten. Vor uns liegt vielmehr ein großes Stück Aufklärungsarbeit über die tatsächlichen Risiken der gentechnisch veränderten Nahrungs- und Futtermittel.
Je mehr wir diese Technologie verbannen, umso weniger werden sich die Kenntnisse entwickeln, welcher Einsatz langfristig wirklich sinnvoll ist. Verfahren wir in dieser Weise weiter, wird das deutsche und europäische Wissen sowohl in der Forschung wie auch in der Praxis weiter ausgedünnt.
Können wir uns das Verbannen der grünen Gentechnik wirklich angesichts der Bevölkerungsexplosion in der Welt, der Zunahme von Dürren erlauben? Ich denke Nein.
Die Verbraucher werden seit Jahren verunsichert und über die wirklichen Gesundheitsrisiken der grünen Gentechnologie im Unklaren gelassen.
So besagen eine Reihe von Untersuchungen (beispielsweise von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen), dass von der Genmaissorte Mon810 keine Risiken für die Umwelt ausgehen. Die Technische Universität Weihenstephan fand in langfristigen Fütterungsversuchen mit Milchkühen ebenfalls keine Hinweise auf eine Gefährdung. Zahlreiche Studien aus Spanien und anderen Teilen der Welt konnten ebenso keine negativen Effekte durch Mon810 feststellen.
Einige Einwände von Umweltverbänden sind aber durchaus berechtigt. Auch „gentechnikfreie Regionen“ können Sinn machen, wenn dies von der Mehrheit der regionalen Landwirte gewünscht wird.
Voraussetzung hierfür ist aber eine offene Diskussion, bei der auch die US-amerikanische Brille ablegt werden muss: Nicht nur Monsanto ist von Genmaisverboten betroffen, sondern auch die heimische Forschung und Industrie (wie KWS Saat AG in Einbeck und BASF).
Aus internationaler Sicht gerät Europa im Bereich Biotechnologie immer weiter ins Hintertreffen. Wir verschenken damit ein enormes Entwicklungs- und Innovationspotenzial – das darf nicht sein.
Wir reden immer davon, dass wir mehr Investitionen in Zukunftsbranchen vornehmen wollen. Gleichzeitig meiden wir bestimmte Bereiche, sobald das kleinste Risiko erkennbar wird. Mit dieser Methode der absoluten Risikovermeidung war und ist moderne Forschung nur sehr schwer möglich.
Gerade Niedersachsen ist mit zahlreichen Forschungsinstituten als eine der größten Agrarregionen Europas bestens für die moderne Landwirtschaft aufgestellt. Diese Kompetenz und Stärke sollten wir nutzen.
Weitere
Informationen:
- Council of the European Union: „Council Conclusions of Genetically Modified Organisms (GMOs)”, Environmental Council meeting Brussels, 04.12.08
- Bericht der EU-Kommission an den Rat und das Europäische Parlament über die Koexistenz gentechnisch veränderter, konventioneller und ökologischer Kulturen, 02.04.09
- Übersicht der EU-Kommission zum Thema Biotechnology und genetisch veränderte Lebens- und Futtermittel (GVO)
- „Genmais: EU-Gespräche in der Sackgasse“, EurActiv, 26.02.09
- Nach Genmais-Verbot: „EU erwägt neuen Kurs bei Gentechnik“, AFP, 15.04.09
- Verbot für Monsanto-Sorte: „Deutschland demütigt den Agro-Giganten“, Spiegel Online, 14.04.09
- Interview mit Journalistin Marie-Monique Robin: „Ich habe keine Lust, meinen Kindern ein Insektizid zu geben“, Deutschlandfunk, 16.04.09
- „Anbau von umstrittenem Genmais gestoppt“, Spiegel Online, 14.04.09
- Genveränderte Pflanzen: „Wir Kolbenfresser“, Zeit online, 23.03.09
- Fighting in the Field: „Monsanto’s Uphill Battle in Germany“, Spiegel Online International, 05.03.09
- “Das untergräbt die Glaubwürdigkeit der Sicherheitsforschung”, Bio-Sicherheit, gefördert vom Bundesministerium für Forschung
- EU-Umweltminister: „Österreich und Ungarn dürfen Genmais-Anbau untersagen“, Spiegel Online, 02.03.09
- „Weltweiter Siegeszug, Stagnation in Europa“, Die Presse, 17.02.09
- „Weltweiter Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen wächst“, Informationsplattform Biotechnologie, eine Initiative des Bundesministeriums für Forschung, 13.02.09
- „Kommission soll Forschung zu ökologisch erzeugten Lebensmitteln unterstützen“, EurActiv, 04.12.08
- Crop Prospects and Food Situation, February 2009, GIEWS

