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Pyrmonts Brunnengäste

Ehedem war es nur der Adel allein, welcher eine so kostbare Reise nach Pyrmont unternahm; nicht gerade der Gesundheit wegen, sondern um doch die Langeweile zu tödten, und zugleich seine Herrlichkeiten von Bändern, Sternen und Orden, auch Andern als nur den Verdammten des Vaterlandes, zu zeigen.

Nun reisen Leute aus allen Ständen dahin: und die Ärzte haben gefunden, daß eine solche Reise ihnen ein herrlicher Notanker ist, um, wenigstens auf einige Zeit hin, einen Patienten los zu werden, wenn ihre Kunst an den verborgenen Klippen der Krankheit Schiffbruch leidet.

Mit einem Wort Pyrmont ist in den neueren Zeiten ein anderes Bethesdadam geworden, und soll im Stande seyn alle möglichen Gebrechen an der schwachen menschlichen Maschine zu heilen. Hzpochondrische Hagestolze, unfruchtbare Weiber, hysterische Fräulein, podagrische Staatsmänner, unbrauchbar gewordene Krieger in den Uniformen verschiedener Fürsten, die aber fast alle sich ihre Schwachheiten unter den Fahnen einer und der nehmlichen Fürstin, der Liebesgöttin, zugezogen und geholt haben; - mit einem Wort, Krüppel von allen Menschenklassen eilen nach Pyrmont, um zum wenigsten erleichtert zu werden. Alle spüren nun auch ganz unfehlbar diese Erleichterung; - allein leider ! desto schlimmer, - am merklichsten, an ihrem Geldbeutel, dessen Inneres so schön gereinigt wird, daß er in, lieber langer Zeit nicht den mindesten Drang fühlt, die Kur wieder vorzunehmen. Der Hauptzweck der Ärzte scheint zu seyn, die Gäste so lang wie möglich aufzuhalten, um, in Verbindung mit den Hauswirthen, Köchen und Kaffeeschenken, ihre Börse recht auszumelken, und sodann einen Jeden in Frieden nach Hause heim ziehen zu lassen.

Kaum wird man sich eine Vorstellung von dem Brodneid, welcher unter Pyrmonts Einwohnern herrschet machen können! Die Brunnengäste sind der Raub, den man wetteifert, sich Einer dem Andern vor der Nase wegzuschnappen. Dies erstreckt sich sogar selbst auf die Ärzt. Diese sind nemlich so Einer über den Andern her, daß der Eine einem Fremden selten bescheidet, wo ein anderer Arzt, den er aufsucht, wohnt. Dies ist besonders der Fall, wenn man den Hofrath Marcard aufsuchen will. Auf diesen Mann sind vorzüglich die an Ort und Stelle selbst wohnenden Arzte neidisch, weil er alle Jahr in der Kurzeit nach Pyrmont kömmt, und ihnen manchen fetten Braten vor der Nase wegschnappt. Vielleicht sind die Pyrmonter zu Dergleichen nothgezwungen; denn der Gesundbrunnen ist ihre Goldgrube, und wenn der nicht wäre, so würden sie kaum das tägliche Brot haben, und eben so verarmt seyn, wie ihr Fürst und Herr, welcher Alles was er Sein nennen kann, bis auf seinen durchlauchtigen Körper nach, an den Landgrafen von Hessen verpfändet hat . .

11. September 2006 05:34

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16. Mai 2008 05:15
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