„Man wird Obama verzeihen“25.08.2008
… bei Erika Mann, Mitglied des Europäischen Parlaments
«Barack Obama wird offiziell Präsidentschaftskandidat der
Demokraten. Sind Sie enttäuscht, dass es nicht Hillary Clinton ist?»
Absolut.
Hillary Clinton ist eine grundsolide, gestandene Politikerin, die die Fakten
kennt. Es wäre toll gewesen, so eine Frau an der Spitze der USA zu sehen. Die
Angst hat überwogen, nach der Bush-Dynastie nun eine Clinton-Dynastie zu
installieren. Außerdem ist Clinton zu lange freundlich mit Obama gewesen. Sie
hätte seine mangelnde außenpolitische Erfahrung viel früher angreifen müssen.
Aber nun hat Obama ja den Außenpolitiker Biden an seiner Seite.
«Sie sind
dennoch skeptisch?»
Für einen europäischen Sozialdemokraten ist Obama
zweifellos der attraktivste Kandidat. Er ist interessant, mit anderen, jungen
Vorstellungen von Politik. Aber sogar bei Obama-Begeisterten tritt ja
inzwischen eine gewisse Ernüchterung ein.
«Viele glauben, Talent und
politisches Gespür seien genauso viel wert wie Erfahrung.»
Da mag etwas dran
sein. Aber Erfahrung ist in der Politik ein großes Gut. Schauen Sie nur auf die
Krise in Georgien: McCain ist umgehend mit einem Statement vor die Presse
getreten. Obama hat sich aus dem Urlaub nicht gerührt. Dieses lange Schweigen
weckt Zweifel. Wie reagiert Obama, wenn eine Krise überraschend kommt? Wir
wissen sehr wenig von ihm.
«Aber Europa erwartet sehr viel von ihm, sollte er
Präsident werden. Zu viel?»
Natürlich hatte seine Europa- und Nahost-Reise ein
bisschen was von einer Propagandatour, aber sie geht darüber hinaus. Obama hat
deutlich den Wunsch, mit Europa zusammenzuarbeiten.
«Er zeigt aber auch
protektionistische Tendenzen.»
Stimmt. Kürzlich hat das
US-Verteidigungsministerium nach einer Ausschreibung einen Auftrag an das
europäische Airbus-Konsortium vergeben. Die amerikanische Boeing hat gegen die
Vergabe protestiert. Sowohl Obama als auch Clinton haben dazu beigetragen, dass
das Verfahren im Pentagon noch einmal neu beraten wird.
«Und McCain?»
Der ist
in puncto freier Handel fast schon genetisch entspannter. Der hat nur gesagt:
Die Airforce hat sicherlich die richtige Entscheidung getroffen – wenn der
europäische Wettbewerber den Auftrag kriegt, dann ist das eben so.
«Welcher
Präsident wäre für Europa besser?»
Wenn McCain gewinnt, wird es sehr, sehr
schwer werden. Die Enttäuschung in Europa wäre groß, wir würden noch weiter
auseinanderdriften als unter Bush. Unter Obama wird auch nicht alles rosig.
Aber wenn Obama Forderungen an Europa stellt, dann wird er überzeugend
analysieren und erklären. Man wird ihm verzeihen. Er wird einen freieren, einen
offeneren Geist in die Beziehung bringen.
Interview: Susanne Iden
HAZ, Seite 3

