Seite drucken29.11.2007
Streit um Wirtschaft und Währung beim China-EU-Gipfel / SPD-Handelsexpertin Mann rät zu integrativem Kurs
von Christian Holzgreve
Es gibt Gipfel, bei denen sich der Harmoniebedarf der Beteiligten in engen Grenzen hält. So war es am Mittwoch in Peking. Beim Treffen von Vertretern der Europäischen Union und der chinesischen Staatsführung ging es nicht um lukrative Großaufträge wie das Airbus-Geschäft, das Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy gerade abgeschlossen hat. Nein, es ging um die permanenten Fährnisse des Handels mit der Volksrepublik, zum Beispiel den nach Ansicht der Europäer viel zu niedrigen Yuan-Kurs, den mangelhaften Marktzugang in China oder die Produktpiraterie – also um Themen, die nicht unbedingt für eine prominente Platzierung in den Abendnachrichten taugen, aber der europäischen Wirtschaft täglich umso mehr zu schaffen machen.
Zum Beispiel den europäischen Stahlproduzenten: Erst am Dienstag hatten sie
eine neue Beschwerde bei der EU wegen der Billigimporte aus China eingereicht.
Sie werfen den überwiegend staatlichen chinesischen Herstellern vor, mithilfe
von Subventionen die Märkte mit Produkten zu Preisen unterhalb der
Herstellungskosten zu überschwemmen. Die EU-Kommission könnte Schutzzölle oder
Einfuhrbeschränkungen erlassen.
Ob sie das tut, steht freilich ebenso wenig fest wie de Plan des
EU-Handelskommissars Peter Mandelson, der China mit einer Klage bei der
Welthandelsorganisation WTO gedroht hat, sollte Peking nicht stärker gegen
Musikpiraterie vorgehen. Besorgte Blicke der EU-Kommission richten sich auch
auf die Qualität des Kinderspielzeugs, das aus China kommt. Erst vor wenigen
Tagen hat EU-Verbraucherschutzkommissarin Meglena Kuneva eine umfangreiche
Bestandsaufnahme der europäischen Gesetzgebung und ihrer Kontrollen bis zum
Frühjahr 2008 angekündigt.
Kommissionspräsident José Manuel Barroso bemängelte gestern in Peking vor allem
das mit 170 Milliarden Euro riesige Handelsbilanzdefizit der EU mit China,
maßgeblich gefördert durch den unterbewerteten Yuan, der der chinesischen Industrie
Wettbewerbsvorteile verschafft. „Es besteht tatsächlich die Gefahr, dass
Europäer den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas als Bedrohung ansehen.“ Das
Problem des Handelsdefizits müsse gelöst werden, um protektionistischen Druck
aus der innereuropäischen Debatte zu nehmen, unterstrich Barroso.
Erika Mann, Handelsexpertin der sozialdemokratischen Fraktion im
Europaparlament, empfiehlt, keinen Konfrontationskurs mit Strafzöllen gegenüber
China zu steuern. „Wir brauchen einen integrativen Kurs gegenüber China. Peking
muss lernen, dass zur Mitgliedschaft in der WTO auch die Übernahme von Regeln
gehört. Jetzt spitzt sich die Lage zwischen Europa und China auch deshalb zu,
weil man zu lange nichts getan hat. Damit, China zu sagen, wie es nicht geht,
hätte man viel früher beginnen müssen.“ Die SPD-Politikerin verweist darauf,
dass sie bereits vor mehr als einem Jahr der EU-Kommission vorgeschlagen hat,
China wegen der Musikpiraterie bei der WTO zu verklagen. Damals habe man noch
abgewunken – heute sei man in der Brüsseler Behörde alarmiert.
„Wir müssen China hart, aber fair begegnen“, empfiehlt die Sozialdemokratin. Es gelte, China bei den eigenen Interessen abzuholen. Je weiter sich das Land entwickele, desto mehr gehe es auch im chinesischen Eigeninteresse um den Schutz geistigen Eigentums, um Patente und Know-how. All das also, was heute noch den Europäern im Verhältnis zu Peking Kopfzerbrechen bereite. „Mit Strafzöllen oder Einfuhrverboten lässt sich China nicht mehr simpel ausbremsen“, betont Mann.
Die Handelsexpertin verweist darauf, dass es auch erhebliche Versäumnisse der
Europäer gegeben hat. Die Spielzeugrichtlinie der EU etwa müsse überarbeitet
werden, weil darin nicht ausreichend dargelegt werde, welche chemischen
Verbindungen nicht in Spielzeug hineingehörten. Lieferten die chinesischen
Unternehmen heute also bedenkliche Spielwaren, könne man sie nicht allein dafür
verantwortlich machen. Ähnliches gelte für das „CE“-Zeichen, das in die Kritik
geratene Prüfzeichen der EU. „So ein Prüfzeichen ist schwach, wenn dahinter
keine Herstellerverantwortung steht“, sagt Mann. Die Verantwortung für
qualitativ mangelhafte Ware, die aus China komme, liege schließlich auch bei
den amerikanischen oder europäischen Unternehmen, die die Fertigung in China in
Auftrag geben – so, wie es etwa der US-Spielzeugriese Mattel nach seinen
Rückrufaktionen eingeräumt habe.
Für die SPD-Politikerin, die handelspolitische Sprecherin ihrer Fraktion ist,
liegt die Zukunft in den europäisch-chinesischen Beziehungen in der Formel
„Wandel durch Annäherung“, die Bundeskanzler Willy Brandt einst im Kalten Krieg
prägte – „und da waren die Fronten noch viel verhärteter“. Dass China und
andere asiatische Staaten mit ihrer Marktfreiheit und ihren demokratischen
Defiziten ein Gegenmodell zu den westlichen Demokratien verkörperten, sei
zweifellos richtig und Realität. Deswegen brauche die EU eine strategisch
angelegte Außenpolitik und politische Köpfe, die diplomatisch, aber bestimmt
die europäischen Positionen weltweit vertreten könnten.
Die wirtschaftliche und politische Auseinandersetzung mit China hat für Erika
Mann viel größere Dimensionen, als der kleine Streit der Großen Koalition um
den Empfang des Dalai-Lamas durch Bundeskanzlerin Angela Merkel im Berliner
Kanzleramt. „Ich finde es richtig, dass sie ihn empfangen hat“, sagt Mann. Aber
man hätte die Chinesen vorher informieren müssen. Das hätte viel nachträgliche
diplomatische Aufräumarbeiten erspart.
Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) vom 29.11.2007 Seite 5