"Power Shift" - der Aufstieg der neuen Handelsmächte

In Cancún wurde überdeutlich, dass die Welt längst nicht mehr pauschal in den reichen "Norden" und den armen "Süden" eingeteilt werden kann. Zu unterschiedlich verlief in den letzten Jahrzehnten das Tempo der Entwicklung innerhalb der "Dritten Welt". Statt dem vielbeschworenen Verteilungskampf zwischen Arm und Reich konnte man in Cancún einen Schlagabtausch zwischen drei Länderblöcken mit jeweils unterschiedlicher Agenda beobachten.

Besonders auffällig agierte eine Gruppe von Entwicklungs- und Schwellenländern, die sich erst kurz vor Cancún zur "G-22" formiert hatte und von Brasilien, China und Indien angeführt wurde. Drei Länder, in denen international konkurrenzfähige Wirtschaftszweige und kaufkräftige Mittelschichten entstanden sind. Die "G-22" repräsentieren nicht weniger als 30% des Welthandels und über die Hälfte der Weltbevölkerung. Ihre neu gewonnene wirtschaftliche Bedeutung wollen die großen Schwellenländer nun auch in politische Macht transformieren. Trotz unterschiedlicher Handelsinteressen konnten die drei Aufsteiger ihre Koalition in Cancún aufrechterhalten.

Angesichts dieser geopolitischen Machtverschiebung, dieses "Power Shifts", muss auch die EU ihre Verhandlungstaktik überdenken. Wie ist die wirtschaftliche und strategische Ausgangsposition der "G-22" ? Welche Perspektiven hat die Allianz?

Brasilien - der südliche Gegenspieler der USA

Brasilien ist das wirtschaftliche Schwergewicht Lateinamerikas und einer der größten Agrarproduzenten der Welt. Verglichen mit den Wachstumsraten Chinas nimmt sich das brasilianische Wachstum mit durchschnittlich 1,4 Prozent in den letzten sechs Jahren zwar bescheiden aus, doch der brasilianische Aussenhandel boomt. Im August 2003 verbuchte Brasilien den größten Monatssaldo in der Geschichte des Landes (wennauch begünstigt durch eine schwache Inlandsnachfrage) Insbesondere die Landwirtschaftsexporte steigen.

So hat Brasilien vor kurzem die USA als größten Soja-Exporteur der Welt überflügelt und nimmt auch unter den Fleischexporteuren eine führende Position ein. Der brasilianische Ehrgeiz im Landwirtschaftsbereich kennt keine Grenzen. Brasília feiert sich bereits als künftigen "Agrarweltmeister". Die wichtigsten Handelspartner Brasiliens sind die USA, China und die EU. Ein Großteil des Aussenhandelsbooms ist auf die Erschließung neuer Märkte in Osteuropa zurückzuführen.

Auch außenpolitisch strebt das mit 172 Millionen Einwohnern bei weitem bevölkerungsreichste Land Lateinamerikas nach einer Vormachtrolle auf dem Subkontinent. Seinen Führungsanspruch innerhalb der "G-22" hat Brasilien in Cancún eindrucksvoll untermauert und damit auch seine Position als lateinamerikanischer Wortführer bei den Verhandlungen über eine panamerikanische Freihandelszone (FTAA).

Nur wenige Wochen nach Cancún scheint sich das Kräftegleichgewicht jedoch zu Ungunsten Brasiliens zu verlagern. Peru, Kolumbien und Costa Rica haben der "G-22" bereits den Rücken gekehrt. Ecuador könnte bald folgen. Man wolle die im November anstehenden FTAA-Gespräche nicht mit Spannungen auf globaler Ebene belasten hieß es zur Begründung. Zu groß scheint der Einfluss der USA außerhalb der vier Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Uruguay und Paraguay. Es ist deshalb fraglich, ob Brasilien auch in Zukunft eine so bedeutende Rolle wie in Cancún spielen kann. Möglicherweise wird man sich in Brasília verstärkt um Koordination mit dem MERCOSUR-Partner Argentinien bemühen und versuchen, seine Interessen gemeinsam mit Buenos Aires durchzusetzen.

China - der unaufhaltsame Aufstieg des Riesenreiches

China ist erst seit der Dohá-Konferenz Ende 2001 Mitglied der WTO. Achtzehnjährige Verhandlungen waren vorausgegangen. Bereits heute ist China mit seinen fast 1,3 Milliarden Einwohnern das Gravitationszentrum für das asiatische Wirtschaftswachstum. Knapp die Hälfte der Wirtschaftsleistung Asiens wird im Reich der Mitte erbracht. Seit einem halben Jahrhundert wächst das chinesische Bruttoinlandsprodukt jedes Jahr um durchschnittlich acht Prozent. Sollte sich dieser Wachstumsprozess fortsetzen, wird China, Prognosen der Investment Bank Goldman Sachs zufolge, bereits im Jahre 2007 Deutschland als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ablösen, bis 2015 Japan und bis 2039 die USA.

Nicht nur sein scheinbar unaufhaltsamer Aufstieg zur Handelsgroßmacht, sondern auch sein stark gewachsenes politisches Gewicht verschafft dem Riesenreich zwangsläufig einen Anspruch auf eine Führungsrolle in der Gruppe der "Entwicklungsländer". Im Gegensatz zu seinen beiden Mitstreitern Brasilien und Indien agiert Peking jedoch im Ton auffällig zurückhaltend. Eine Erklärung bietet vor allem die komplexe Interessenlage Chinas:

Die chinesische Landwirtschaft - Existenzgrundlage für die Mehrheit der Bevölkerung - ist international nicht konkurrenzfähig und durch stetige Landflucht von Aushöhlung bedroht. Ein typisches Drittweltphänomen. Deshalb hat Peking ein starkes Interesse an einem Abbau der US- und EU-Agrarsubventionen. Im Industriesektor jedoch decken sich Chinas Interessen weitgehend mit denen der OECD-Staaten. So könnte China beispielsweise schon am Ende des Jahrzehnts Spitzenreiter bei der Produktion und beim Absatz von Autos sein. Auch im Dienstleistungssektor ist das Potential enorm.

Dennoch wäre es verfehlt, eine einseitige Abhängigkeit Chinas von westlichen Absatzmärkten anzunehmen. Denn schneller noch als die chinesischen Exporte wachsen mittlerweile die Importe der Volksrepublik. Das verschafft Peking eine günstige strategische Ausgangsposition im Welthandel.

Doch Chinas rapider wirtschaftlicher Aufstieg führt auch zu Spannungen - insbesondere mit den USA. Die amerikanische Handelsbilanz mit China weist im laufenden Jahr 2003 ein Minus von 130 Milliarden Dollar auf, in einigen Bereichen mussten die USA ihren Spitzenplatz bereits an China abgeben: nicht nur hat die Volksrepublik im Jahr 2003 die USA als Hauptempfänger von ausländischen Direktinvestitionen abgelöst, sondern auch als Hauptexporteur Richtung Japan und Südkorea.

Die Liste der amerikanischen Vorwürfe gegen China ist lang: Zum einen halten die USA Peking vor, seine Währung, den Yuan, um bis zu 40 Prozent unterzubewerten und sich auf diese Weise unfaire Wettbewerbsvorteile im Welthandel zu verschaffen. Entsprechend groß ist der Druck aus Washington, den Wechselkurs der chinesische Währung freizugeben. Einen solchen Schritt, der negative Folgen für ganz Asien hätte, lehnt China zwar bislang ab, hat aber fest zugesagt, auf eine Verringerung des amerikanischen Handelsdefizit hinzuarbeiten.

Letzlich verfolgen beide Länder gemeinsame Interessen - eine stabile Weltwirtschaftsordnung, stärkeres globales Wachstum und eine Bekämpfung des islamistischen Terrors. Eine Eskalation des Konflikts - etwa mit der Folge von US-Strafzöllen - kann deshalb nicht im Interesse Chinas liegen.

Aus diesem Grund wird sich China auch in anderen Streitpunkten um mehr Konformität mit den WTO-Regeln bemühen. Konkret fordern die USA - und etwas zurückhaltender auch die EU - die schnellstmögliche Öffnung der chinesischen Märkte für ausländische Firmen und Produkte, ein härteres Vorgehen gegen die Verletzung ausländischer Urheberrechte, eine Lockerung der staatlichen Wirtschaftskontrolle, größere Transparenz im chinesischen Regulationssystem und die Reduzierung von Subventionen für Unternehmen.

Indien - Asiens ewiger Zweiter holt auf

Wenngleich mit deutlichem Abstand zu China ist Indien mit seiner wachsenden Bedeutung als IT- und Softwarestandort der zweite große Wachstumsmotor in Asien. Während China mehr und mehr zur "Werkstatt der Welt" aufsteigt, ist Indien dabei, das globale Service- und Rechenzentrum zu werden. Doch neben dem IT-Sektor wachsen auch andere Wirtschaftsbereiche, etwa Pharma, Chemie, Transportgüter und Dienstleistungen. Seit 1991 stieg das jährliche Wirtschaftswachstum auf über 6 Prozent. Ein hohes Ausbildungsniveau und extrem niedrige Lohnkosten ziehen vor allem britische und amerikanische Unternehmen ins zweitgrößte Land der Erde. Die neue indische Mittelschicht wird inzwischen auf rund eine Viertelmilliarde Menschen geschätzt.

Entsprechend selbstbewusst reklamierte Neu Dehli auf der Cancún-Konferenz eine Sprecherrolle für die Dritte Welt. Bereits wenige Wochen nach der Konferenz kündigte Handelsminister Arun Jaitley an, die Zusammenarbeit der "G-22" auszubauen und sich dabei besonders auf Agrarfragen zu konzentrieren. Auch künftig sei man nicht bereit, Einfuhrzölle zu senken, solange die entwickelten Länder ihre Agrarsubventionen nicht senken, so der Minister.

Das Thema Landwirtschaft ist - aller Modernisierung zum Trotz - noch immer von erheblicher Bedeutung für Indien. Zwar fand in den letzten Jahren eine deutliche Verschiebung der Wirtschaftstätigkeit auf den Industrie- und Dienstleistungssektor statt, doch auch in Indien leben mehr als 60 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft. Auch damit erklärt sich die enorme Popularität, die der Handelsminister seit seinem kampffreudigen Auftritt in Cancún genießt.

Ob der indische Elefant und der chinesische Drache künftig eher miteinander oder doch eher gegeneinander Bündnisse innerhalb Asiens schmieden werden, bleibt abzuwarten. Traditionell verstehen sich beide als Konkurrenten um die Vorherrschaft in Asien. Die indische Furcht vor der chinesischen Dominanz, besonders vor einer Überschwemmung mit chinesischen Billigprodukten, hat sich bislang allerdings als unberechtigt erwiesen. Vielmehr erzielte Indien im (Fiskal-)Jahr 2002/2003 einen Handelsbilanzüberschuss von 0,5 Mrd. US Dollar gegenüber China.

Wenngleich sich der "Hindu Way of Growth" langsamer vollzieht als der dynamische Aufstieg Chinas, so hat Indien gegenüber dem großen Nachbarn durchaus auch strategische Vorteile aufzuweisen: neben der englischen Sprache und Rechtstradition ein relativ solides Bankensystem sowie einige Unternehmen von Weltrang. Doch Indien zeigt auch Bereitschaft, vom chinesischen Wirtschaftssystem zu lernen. So plant Dehli neuerdings die Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen, die in den 80er Jahren stark zum Wachstum Chinas beitrugen.

Der Argwohn zwischen China und Indien nimmt also ab, der direkte Handel zwischen beiden Ländern wächst. Indien setzt verstärkt auf eine "Look East Policy". Es ist deshalb vorstellbar, dass der indische Subkontinent langfristig ein Gegengewicht zu China bilden könnte - mit Südostasien als Mittler - und beide Machtblöcke ihre Handelsinteressen und diejenigen der gesamten Region künftig gemeinsam durchzusetzen versuchen.

Die Erfolgsaussichten der "G-22"

Eine Prognose über die weitere Entwicklung der neu formierten "G-22" ist nicht einfach zu treffen. Die neue Achse Peking - Delhi - Brasília hatte in Cancún Bestand. Doch gibt es auf dieser Achse zahlreiche Zwischenstationen. Staaten mit sehr unterschiedlichen ökonomischen, demografischen und politischen Voraussetzungen. Während Indien gerade selbstbewusst angekündigt hat, die Zusammenarbeit der Gruppe vorantreiben zu wollen beginnt die lateinamerikanische Fraktion der "G-22" nur einen Monat nach Cancún bereits zu bröckeln (vgl. oben).

Die politisch und wirtschaftlich stark an den USA ausgerichteten Staaten Kolumbien, Peru und Costa Rica sind anders als etwa die MERCOSUR-Länder sehr darauf bedacht, ihr Verhältnis zu Washington nicht zu belasten. Auch könnte die auf den Gipfeltreffen der Asean- und der Apec-Staaten im Oktober 2003 erkennbare Tendenz zu bilateralen und regionalen Freihandelsabkommen (allen Bekenntnissen zur Doha-Runde zum Trotz) zu einer Schwächung der "G-22" führen. Denn die Allianz entfaltet ihre Bedeutung allein auf multilateraler Ebene, wird aber weitgehend entbehrlich, sobald der WTO-Prozess ins Stocken gerät.

11. September 2006 05:34