Der Konflikt zwischen China und Tibet - Boykott als Lösung?

Im Europäischen Parlament fand am 26. März 2008 eine Aussprache über die Lage in Tibet statt. Unter anderem gaben der Präsident des Europäischen Parlaments Hans-Gert Pöttering, die EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner und der EU-Vorsitz vertreten durch Janez Lenarčič Erklärungen zur Situation in Tibet ab. Dabei wurde von allen Seiten bekräftigt, dass Dialog sinnvoller ist als Boykott und die Olympischen Spiele zur Förderung der Menschenrechte beitragen könnten.

Ähnlich haben sich auch die deutsche Bundesregierung und Amnesty International geäußert und gegen einen Boykott der Olympischen Spiele in China ausgesprochen. Die Vorsitzende von Amnesty International Deutschland, Barbara Lochbihler begründet dies unter anderem damit, dass "durch Boykott jede Dialogfähigkeit genommen wird."

Einige Politiker brachten statt eines Boykotts der Olympischen Spiele einen Wirtschaftsboykott gegen China ins Spiel.

Der Sinologe und Schriftsteller Tilman Spengler hat sich im Deutschlandradio sowohl gegen den Boykott der Olympischen Spiele als auch gegen Wirtschaftssanktionen ausgesprochen.

TibetFlagge

Tibet und China
Erika Mann ist seit mehreren Jahren in Kontakt mit dem spirituellen Führer und Begründer der Art of Living Foundation Sri Sri Ravi Shankar, der sich weltweit dafür einsetzt, dass sich Verantwortliche in Konfliktregionen an einen Tisch setzen. Er ist an Friedensverhandlungen beteiligt und berät in Konflikten wie in Sri Lanka, dem Kosovo, Indien, Pakistan und Irak. Er arbeitet mit dem Dalai Lama zusammen. Auf Einladung von Erika Mann wird Sri Sri Ravi Shankar am 9. April 2008 in Brüssel sein und dort im Rahmen einer Veranstaltung mit der Bertelsmann Stiftung seine Philosophie und seine Arbeit im Rahmen von internationalen Friedensverhandlungen erläutern. Erika Mann wird ihn im Rahmen der Veranstaltung vorstellen.

Kommentar von Erika Mann
Ich bin nicht davon überzeugt, dass Boykotte die richtige Reaktion sind und werde deshalb auch weder den Boykott der Olympiade, noch einen Wirtschaftsboykott Chinas unterstützen. Es gibt sehr wenige Beispiele von Boykottmaßnahmen, die in der Vergangenheit sinnvoll waren. In der Regel haben sie nur dazu geführt, dass die Bevölkerung vom Rest der Welt abgeschnitten wurde. Gerade die Olympiade kann dazu beitragen, dass das westliche Demokratieverständnis einen breiteren Anteil im Rahmen der chinesischen Gesellschaftsentwicklung gewinnt.  Gespräche, Kampf um Meinungsfreiheit sind der bessere Weg als Abschottung.

Diese Sicht habe ich auch in einem Interview zusammen mit meiner portugiesischen Kollegin im Europäischen Parlament Ana Gomes vertreten, welches Sie hier ansehen können.

Hintergrund

Tibet ist seit den 50er Jahren ein autonomes Gebiet von China. Das religiöse Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama, lebt im Exil in Indien. Er floh 1959 aus Tibet nachdem Straßendemonstrationen niedergeschlagen wurden.

Seit Anfang März 2008 sind in Tibet erneut Auseinandersetzungen zwischen der chinesischen Regierung und Teilen der tibetischen Bevölkerung ausgebrochen.

Neben religiösen Gründen und neben dem Widerstand gegen die chinesische Besatzung,  spielt mit Sicherheit die wirtschaftliche Entwicklung Tibets eine grosse Rolle in der Zuspitzung des Konfliktes.  Der Wohlstand, der sich in den vergangenen Jahren in einigen Städten und Regionen Tibets entwickelt hat, kommt wie so häufig, vor allem der Bevölkerung in den Städten zu Gute. Diese Tendenz wird von dem britischen Ökonom Andrew Martin Fischer beschrieben, der gleichzeitig analysiert hat, dass ein Großteil der in den Städten lebenden Tibeter vom Boom ausgeschlossen bleibt. Insgesamt scheint der Wohlstand der Bevölkerung in Tibet ungleich verteilt. Die zugezogenen Han-Chinesen sind deutlich wohlhabender als die Tibeter selber. Durch den Bau einer Eisenbahn nach Tibet hat sich diese Situation weiter verstärkt, da die Vermutung besteht, dass die Han-Chinesen die Situation stärker positiv für sich umwandeln können und die Tibeter weniger an den Vorteilen teilhaben werden.

Interessant ist auch, dass die Chinesen Anfang 2007 große Rohstoffquellen in Tibet fanden. Die vermuteten Rohstoffe wie Salze, Gold, Kupfer und Uran werden allerdings voraussichtlich nur begrenzt zu mehr Wohlstand der Tibeter selber führen. Nach Meinung Fischers ist zu erwarten, dass chinesische Unternehmen überwiegend hiervon profitieren werden. DieRohstoffvorkommen tragen nach Ansicht von Ökonomen dazu bei, dass China nicht bereit sein wird, Tibet in die Unabhängigkeit zu entlassen.

Weitere Informationen

28. April 2008 18:33