Neuer „Schweinegrippe“-Virus breitet sich in der Welt aus
Reported/potential H1N1 Swine Flu cases as of 27 Apr 09 by pixelfrenzy.jpg

Bild: Reported/potential H1N1 Swine Flu cases as of 27 Apr 09 by pixelfrenzy.jpg


Die auf Menschen übertragbare „Schweinegrippe“ ist ein neuartiger, bisher unbenannter Virus. Spätestens am 27. April 2009 erreichte dieser Virus über Reisende aus Mexiko Europa.

Verdachtsfälle gibt es mittlerweile in mindestens zehn EU-Staaten: Deutschland, Großbritannien, Spanien, Österreich, Italien, Irland, Dänemark, Polen, Tschechien und Griechenland. Andere Regionen in der Welt meldeten ebenfalls mutmaßliche „Schweinegrippe“-Infizierte, darunter Neuseeland, Australien, Südkorea und Israel.

In der Europäischen Union reagieren die Staats- und Regierungschefs mit einer Reihe von Krisensitzungen. Für den 30. April 2009 ist ein Krisentreffen der EU-Gesundheitsminister in Luxemburg angesetzt. Zentrales Thema wird ein Impfstoff gegen die neuartige Viruserkrankung sein. Zuvor will EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou mit Vertretern von Pharma-Unternehmen klären, wie lange eine solche Impfstoffentwicklung dauern wird.

Die Zahl der in Mexiko infizierten Menschen ist auf 590 gestiegen, 22 von ihnen starben (Stand 04.05.09).

Die EU-Kommission rechnet auch in Europa mit Todesopfern. Dies sagte Robert Madelin, EU-Generaldirektor für Gesundheit, am 29. April 2009 gegenüber der Presse. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erhöhte am 29. April 2009 ihre Pandemie-Warnung von vier auf fünf – die zweithöchste Stufe. Dies ist ein deutliches Zeichen dafür, dass eine Pandemie bevorsteht.

Zunächst hatte die Europäische Kommission am 27. April 2009 eine Reisewarnung für Mexiko und die USA ausgesprochen, diese dann am 28. April 2009 wieder zurückgezogen. Bisher ist der Flugverkehr zwischen Europa und Mexiko sowie den USA nicht unterbrochen (Stand Vormittag 30. April 2009).

In Mexiko wird das öffentliche Leben immer stärker eingeschränkt. Die Regierung ließ für mehrere Tage alle Unternehmen schließen, auf deren Leistung die Bevölkerung über eine Zeit gut verzichten kann - Lebensmittelbetriebe, öffentlicher Verkehr, Finanzinstitute und Gesundheitsversorgung ausgenommen.

Deutschland ist aus Sicht des Bundesministeriums für Gesundheit gut auf die drohende Epidemie vorbereitet. Grippemedikamente, die den „Schweinegrippe“-Virus bekämpfen, seien ausreichend vorhanden.



                                         

Informationen zur Schweinegrippe-Epidemie gibt es unter folgenden Adressen:



                                         


Informationen in den Medien:


Haltung von Erika Mann:

Mit Ausbruch der Epidemie offenbart sich eine erhebliche Schwäche: Die Europäische Union besitzt kein funktionierendes und übergeordnetes Koordinierungs- und Kommunikationssystem, das zügig und konsequent Antworten auf die Krise gibt. Alleine die Internet-Informationsangebote in Europa zur drohenden Pandemie waren zunächst eine Katastrophe.

In Deutschland fanden sich nach Bekanntgabe der ersten Verdachtsfälle zunächst weder auf den Internetseiten der Bundesministerien, noch auf den Seiten des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (das für das deutsche Krisenmanagement federführend ist) aktuelle und ausreichende Informationen zur Krise. Es ist nicht zu glauben, aber so sieht es in fast allen EU-Staaten aus. Auch die EU-Kommission bot noch am 28. April 2009 nur mangelhafte Aufklärung, die Informationen waren für den Bürger noch dazu schlecht zu finden.

Wer sich zügig informieren wollte, musste beispielsweise das Internetportal der US-amerikanischen Infektionsschutzbehörde „Centers for Disease Control and Prevention (CDC)“ oder der Weltgesundheitsbehörde (WHO) nutzen – beides Angebote, die außerhalb Europas liegen.

Die EU-Mitgliedstaaten sind sehr unterschiedlich auf eine Pandemie vorbereitet. Während Deutschland und England über hohe Medikamentenvorräte verfügen, gibt es in einigen EU-Ländern erhebliche Engpässe und wenig Kompetenz im Krisenmanagement. Die EU-Kommission hat es auch nach der Vogelgrippe versäumt, striktere Vorkehrungen gegen Seuchen zu implementieren.

So werden beispielsweise die Medikamentenvorräte der EU-Staaten nicht genügend kontrolliert. Im Notfall kann dies zu großen Konflikten führen: Welches Land wird seine lebensrettenden Medikamentenvorräte an andere Länder abgeben, die nicht vorgesorgt haben? Noch dazu, wenn dieses Land die eigene Betroffenheit von der Epidemie noch nicht einschätzen kann?

Was wird im Flugverkehr geschehen, was passiert an unseren Grenzen innerhalb der EU? Über diese wichtigen Themen will niemand innerhalb der Europäischen Union wirklich reden. Transparenz und Offenheit sind aber notwendig, da sie in einer solchen Katastrophe Leben retten.

Wie wenig auch das internationale Krisenmanagement zwischen Staats- und Regierungschefs funktioniert, erfuhr ich während des transatlantischen Bioterrorismus-Planspiels „Atlantic Storm“ am 14. Januar 2005 mit Präsidenten, Premierministern und anderen internationalen Staatsführern von beiden Seiten des Atlantiks.

Ort war Washington, DC; Veranstalter waren das Center for Biosecurity of UPMC, das Center for Transatlantic Relations of Johns Hopkins University sowie das Transatlantic Biosecurity Network. Ich übernahm in der Simulation die Rolle der Präsidentin der EU-Kommission.

Simuliert wurde ein terroristischer Angriff mit Biowaffen in mehreren Ländern. „Atlantic Strom“ offenbarte deutliche Schwachstellen in der Reaktion auf die Angriffe sowie in der Kommunikation und Koordination zwischen den Kontinenten. Die Konsequenz waren mehr Tote und Verletzte sowie stärkere soziale, wirtschaftliche und politische Einschnitte und Krisen.

Seitdem gab es Besserungen im internationalen Krisenmanagement von Seuchen, diese reichen aber vor allem in Europa nicht aus.



                                         


Weitere Informationen:

4. Mai 2009 12:26