Europäische Autoindustrie – starke Umsatzeinbrüche, koordinierte Hilfe auf EU-Ebene
Die globale Automobilindustrie
durchlebt derzeit eine tiefe Rezession, gleichzeitig muss die Branche eine
technologische Revolution hin zu umweltfreundlichen Fahrzeugen meistern. Die
aktuellen Heraufforderungen sind damit immens, für viele Unternehmen gar
bedrohlich.
Die Automobilbau ist einer der wichtigsten Eckpfeiler der europäischen Wirtschaft. Von ihm hängen direkt und indirekt in Europa 12 Millionen Arbeitsplätze ab.
Mit einer Resolution zur Zukunft der Automobilindustrie rief das Europäische Parlament deshalb am 25.03.09 zu einem engagierten Krisenmanagement auf. Arbeitsplätze müssen erhalten und Wettbewerbsverzerrungen verhindert werden. Die Parlamentarier forderten schnelle Soforthilfen und nachhaltige Umstrukturierungen.
Starke Umsatzeinbrüche
Die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise treffen die Autoindustrie weltweit hart. In der Europäischen Union wird ein Produktionseinbruch von 20 Prozent in der Zeit von Anfang 2008 bis Ende 2009 vorausgesagt, was einem Gewinnverlust von etwa 60 Milliarden Euro entspricht.
Der weltweite Autoverkauf sank besonders im November 2008 stark. Die Aussichten für 2009 sind verhalten. Drei Jahre wird die Erholung der globalen Automärkte mindestens dauern, schätzen Experten von IHS Global Insight.
In Deutschland brach der Export deutscher Autohersteller im Februar 2009 um 51 Prozent ein. Die Unternehmen reagierten mit Kurzarbeit und senkten die Pkw-Produktion um 47 Prozent (Quelle: Verband der Automobilindustrie).
Weitere Informationen:
- Statistisches Bundesamt, „Einbruch der Kraftfahrzeugexporte im 4. Quartal 2008“ , 05.03.09
- „EU ringt mit nationalen Rettungsplänen für Automobilbranche“, EurActiv, 04.02.09
- EU-Kommission: „Kein Protektionismus bei Hilfen für Autoindustrie“, eu-info.de, 04.02.09
- „U.S. Moves to Overhaul Ailing Carmakers“, The New York Times, 30.03.09
- Dossier: “Eine Branche in der Krise – der Absturz der Autobauer”, Die Tagesschau
- “Experten wettern gegen verlängerte Abwrackprämie”, Spiegel Online, 26.03.09
- Interesse an Abwrackprämie bricht stark ein, Oliver Haustein-Teßmer, WELT online, 05.05.2009
EU-Rettungspläne für den Automobilsektor
Die Europäische Union will den Automobilsektor in der aktuellen Krise stärker unterstützen. EU-Industriekommissar Günter Verheugen legte hierzu am 25. Februar 2009 eine Richtlinie vor („Responding to the crisis in the European automotive industry“).
Die Hilfen bauen auf dem Europäischen Konjunkturprogramm von 2008 auf. Angedacht sind beispielsweise ein besserer Zugang zu Krediten und klarere Regeln für staatliche Sonderhilfen. Die Nachfrage nach Neufahrzeugen soll mit koordinierten Aktionen in den Mitgliedsstaaten angekurbelt werden. Finanztöchter der Automobilhersteller sollen über Hilfsprogramme für den Bankensektor profitieren.
Über die Maßnahmen dieser Richtlinie diskutierte am 5. März 2009 bereits der Wettbewerbsrat der Europäischen Union (Binnenmarkt, Industrie und Forschung). Das Ergebnis waren Entwürfe für Schlussfolgerungen für den Frühjahrsgipfel des Europäischen Rates am 19. und 20. März 2009.
Auch die Europäische Investitionsbank (EIB) hilft der Automobilindustrie mit zusätzlichen Darlehen. Am 12. März 2009 sagte der Verwaltungsrat 3 Milliarden Euro zu, bis Juni sollen weitere Hilfen folgen. Insgesamt will die EIB der angeschlagenen Branche mehr als 7 Milliarden Euro Zusatzdarlehen anbieten. Ein Großteil muss in den Bereich „umweltfreundlicher Verkehr“ fließen (CO2-Emissionen senken, Kraftstoffeffizienz verbessern).
Haltung von Erika Mann: Krise schwächt
Forschung und Entwicklung massiv
Protektionismus kann nicht die Lösung in der aktuellen Krise sein. Die Hilfen müssen vielmehr auf europäischer Ebene koordiniert werden. Die europäische Automobilindustrie ist eine der wettbewerbsfähigsten und innovativsten Industrien in der Welt. Diese Vorteile müssen wir bewahren.
Die Finanz- und Wirtschaftskrise schädigt besonders den Bereich Forschung und Entwicklung (FuE) in der Autoindustrie massiv. Immer mehr Investitionen werden dort in die Zukunft verschoben. Europa und vor allem Deutschland könnten damit äußerst wichtige Zukunftschancen verspielen.
Jedes Jahr werden in Deutschlands Autoindustrie rund 18 Milliarden Euro für die Erforschung von Innovationen ausgegeben. Das sind rund ein Drittel der Forschungsausgaben der gesamten deutschen Industrie.
Als Schlüsseltechnologie im Autobau gelten
Hochleistungsenergiespeicher, wie Lithium-Ionen-Batterien und Supercaps.
Letztere speichern die Energie, anders als Batterien, nicht über chemische,
sondern über physikalische Vorgänge. Innovationen in der
Energiespeicherforschung werden darüber entscheiden, wie sich der zukünftige
internationale Automarkt aufteilt.
Auch wenn es bereits einige wenige Hybrid-Fahrzeuge mit Lithium-Ionen-Batterien gibt – die Entwicklung dieser Technologie steht weltweit erst am Anfang. Dies birgt ein enormes Entwicklungspotential: Schon in wenigen Jahrzehnten könnten reinen Elektroautos und hybridelektrischen Fahrzeugen die Straße gehören. Vor allem Deutschland muss diese Chance nutzen, wo die Batterieforschung früher stark war, dann aber sträflicherweise nicht weiter verfolgt wurde.
Bislang liegt die deutsche und europäische Batterieentwicklung weit hinter der Konkurrenz aus Japan, China und Südkorea zurück. Japan alleine investiert jährlich über 250 Millionen US-Dollar in die Forschung und Entwicklung von Energiespeichern. Das deutsche Forschungsministerium dagegen will in vier Jahren 60 Millionen Euro über das Projekt „Lithium-Ionen-Batterie-LIB 2015“ investieren. Viel zu wenig! Wir brauchen einen wirklichen Aufbruch in dieser Technologie, einen Neuanfang, bei dem Europa seine Forschungsstärke beweisen kann.
Ich habe angeregt, die vielen Initiativen und Forschungsprogramme, die sich um das Thema Hochleistungsenergiespeicher ranken, neu zu organisieren. Es macht keinen Sinn, dass Europa versucht, Forschungen, die bereits in anderen Ländern zu einem Erfolg geführt worden sind, nachzulaufen. Besser scheint es mir zu sein, die Forschungs- und Entwicklungsbereiche auf die Themen zu konzentrieren, wo noch ein Bedarf vorhanden ist. Wir müssen unsere Kräfte und Kompetenzen sinnvoll bündeln, was in Asien und den USA längst passiert ist.
Die im Dezember 2008 gegründete strategische Allianz zur Entwicklung und Fertigung von Lithium-Ionen-Batterien zwischen Evonik und Daimler zielt in die richtige Richtung. Lobenswert ist, dass beide Konzerne die Forschung, Entwicklung und Produktion von Batteriezellen und Batteriesystemen in Deutschland realisieren wollen. Vorbildhaft für Europa ist zudem ein Industriekonsortium mit den deutschen Unternehmen Volkswagen, BASF, Bosch, Evonik Degussa, STEAG Saar Energie und Li-Tec, das in den nächsten Jahren 360 Millionen Euro in die Forschung und Entwicklung von Lithium-Ionen-Batterien investieren will.
Diese Entwicklung wird bereits in der nahen Zukunft ein weiteres Problem sichtbar machen: In Deutschland und Europa fehlen dringend benötigte Ausbildungsangebote für Fachkräfte, die sich nicht nur im Bereich Maschinenbau auskennen, sondern auch über elektro- und informationstechnisches Wissen verfügen.
Zu befürchten ist weiter, dass die hochinnovative Autozulieferindustrie unter den Umsatzeinbrüchen auf dem Automarkt zusammen schrumpft. Diese meist mittelständischen Unternehmen müssen eng kalkulieren und sind auf kurzfristige Kredite angewiesen. Gerade für diese Kredite stellen Banken aber immer höhere Anforderungen. Das ist ein Teufelskreis, der tiefe Schäden in der europäischen und vor allem der deutschen Forschungslandschaft hinterlassen kann.
Informationen über Innovationen im Autobau
und Klimaziele:
- „Obama erzwingt Kehrtwende im Autobau“, Kurier, 25.05.09
- “Klimaziele in Rettungsplänen für den Automobilsektor”, EurActiv, 05.03.09
- Dossier “Autos und CO2”, EurActiv
- Report Deutsche Bank Research, “New era unfolding for the automobile industry” , 01.04.09
- “International agencies launch 50% global fuel economy plan to key industry players”, Global Fuel Economy Initiative (GFEI), 04.03.09: Report “50 by 50 – Global Fuel Economy Initiative”
- „Obama gibt Milliarden für Entwicklung von Hybridautos“, Spiegel Online, 19.03.09
- Mobilität 2.0: “Wie das Silicon Valley das Automobil neu erfinden will”, Deutschlandfunk, Wissenschaft im Brennpunkt, 01.02.09
- Porsche vs. Brussels: “The Clash of
Two Worldviews”, Spiegel Online
International, 23.10.08
Informationen zu der Krise bei Opel und General Motors:
- Kritik an Guttenberg vor Opel-Entscheidung: Sorgenkind Opel spaltet Koalition, Tagesschau.de, 25.05.2009
- Übernahmepläne: Guttenberg sieht Opel-Insolvenz als beste Option, Spiegel Online, 24.05.2009
- Magna- Rettungsplan: Opel soll halbrussisch werden, Anselm Waldermann, Spiegel Online, 22.05.2009
- Übernahmekampf: “Fiat garantiert Erhalt aller Opel-Standorte”, Spiegel Online, 26.04.09
- Übernahmekandidat: „Guttenberg will mit Opel-Interessent Magna verhandeln“, Spiegel Online, 25.04.09
- „GM und Chrysler droht Blitz-Insolvenz“, Spiegel Online, 31.03.09
- „Milliarden-Nachschlag soll GM und Chrysler retten“, Spiegel Online, 26.03.09
- “GM set to give up on Europe”, The Sunday Times, 08.03.09
- “Wirtschaftsministerium soll an Sondergesetz für Opel arbeiten”, Die Zeit, 09.03.09
- „Small cogs suffer in car crisis“, Financial Times Deutschland, 05.03.09
- „No Opel, no hope“, The Economist, 05.03.09
Weitere Informationen:
- Kommentar von Erika Mann „VW bleibt VW“, 08.05.2009
- Mit Zitat von Erika Mann zur aktuellen Situation von VW, “Porsche Looks at Restructuring VW Relationship”, New York Times, 23.04.09
- Volkswagen, Daimler, BMW im Süden der USA: „Das neue Herz der US-Autoindustrie“, Financial Times Deutschland, 20.03.09
- „Der Daimler und das Ländle – Wie Baden-Württemberg unter der Krise einer Branche leidet“, Deutschlandfunk, Hintergrund, 27.03.09
- „VW will großer Krisengewinner werden“, Spiegel Online, 12.03.09
- „EU-Bank lehnt mehr Autohilfen ab“, Financial Times Deutschland, 09.03.09
- „Autokrise stärkt deutschen Marktführer VW“, Spiegel Online, 04.03.09
- In der Weltwirtschaftskrise: „VW stellt Konkurrenz in den Schatten“, Financial Times Deutschland, 02.03.09
- „Wertvoller Schrott? Wie der Staat der angeschlagenen Autoindustrie helfen will“, Deutschlandfunk, Hintergrund, 26.01.09
- „Chinas Automobilindustrie in schwierigem Fahrwasser“, China Observer, 05.03.09
- Autobranche Zulieferer: „Das dicke Ende kommt noch“, Handelsblatt, 03.03.09

