Konzernübernahmen und ihre Grenzen
In diesen Wochen im Februar/März 2006 beherrschen zwei große Übernahmeversuche die europäische Diskussion. Beide zeigen sie auf bedenkliche Weise, wie es in Zeiten der wirtschaftlichen Globalisierung um den Wettbewerb bestellt ist.
Zum einen ist da der Versuch des indischen Unternehmens Mittal Steel den Konkurrenten Arcelor zu übernehmen, ein Unternehmen, das aus den staatlichen Stahlindustrien Spaniens, Frankreichs und Luxemburgs gebildet wurde.
Zum anderen der Versuch des italienischen Energiekonzerns Enel seinen französischen Wettbewerber Suez zu übernehmen. Als Reaktion auf diese „ausländische Bedrohung“ rückte Suez enger mit dem französischen Energieriesen Gaz de France zusammen – gefördert von der französischen Regierungspolitik soll ein Verbund der beiden Unternehmen die energiepolitischen Interessen des Landes langfristig schützen.
Auch wenn beide Fälle sich in vielem stark unterscheiden, so haben sie aus europäischer Sicht eine unangenehme Gemeinsamkeit: Angesichts eines starken Wettbewerbers suchen die Manager von Arcelor und Suez den Schutz ihrer Großkonzerne durch eine Allianz mit „ihren“ nationalen Regierungen. Der europäischen Wirtschaft erweisen sie damit einen Bärendienst.
Denn das Bekenntnis zum Wettbewerb hat Europas Wirtschaft stark gemacht: Der Binnenmarkt der Europäischen Union ist eine Erfolgsgeschichte, ebenso der in Brüssel koordinierte gemeinsame Außenhandel der EU25. Angesichts der Globalisierung muss diese Geschichte jedoch mit europäischen Talenten fortgeschrieben werden.
Dazu gehört besonders das Talent, einstmals streng nationale Kategorien zu überwinden. Wo es dank des Binnenmarkts immer mehr Austausch gibt, ist es logisch, dass auch die Führung von Unternehmen internationaler wird – das zeigt nicht zuletzt das Beispiel von Mittal Steel selbst, wo von den 24 höchsten Positionen nur die Hälfte von Indern besetzt sind. In Europa fehlt es vielen Konzernen noch an Mut, nicht nur fremde Märkte zu erobern sondern sich umgekehrt diesem Fremden und seinen Potenzialen konsequent selbst zu öffnen.
Deshalb brauchen wir in Europa mehr Konzerne, die ihre Vorstandsstruktur und die enge Anbindung an ihre nationale „Mutterregierung“ zugunsten eines offensiven und kompetitiven Kurses ändern. Die Fachkompetenz der hiesigen Belegschaften und die Vielfalt eines international aufgestellten Managements schaffen gute Voraussetzungen, die Globalisierung zu meistern. Dazu gehört aber auch, dass nationale Politiker sich ihrem Wahlvolk gegenüber nicht gebärden, als ob es in Branchen wie Stahl oder Energie noch nationale Lösungen gibt.

