Europa braucht dringend weitere Gas-Lieferländer – gleichzeitig muss es unabhängiger werden von ImportenBild: Gas pipeline in Delta by Aquafornia
Die Europäische Union muss sich stärker auf Probleme bei der
Energieversorgung vorbereiten. Die aktuelle Gaskrise zeigt erneut die
Dringlichkeit. Russland und die Ukraine streiten seit Jahreswechsel
vordergründig um Lieferpreise und ausstehende Zahlungen. Hintergründig geht es
aber um eine Reihe von Aspekten. So will sich die Ukraine ihre Transitleistung
in die Europäische Union besser bezahlen lassen. Russland hat auch den
beschleunigten Bau der Ostsee-Pipeline im Blick, die an der Ukraine und Polen
vorbeiführt.
Die tschechische EU-Ratspräsidentschaft rief beide Länder auf, ihren Gasstreit beizulegen. Vertreter von Gazprom (russischer Staatskonzern) und Naftogaz (ukrainischer Energieversorger) bezogen am 8. Januar 2009 vor dem Europäischen Parlament in Brüssel Stellung. Nun soll eine Delegation aus russischen, ukrainischen und europäischen Beratern die Situation entspannen.
Die EU befürwortet eine internationale Überwachung des Gastransports durch
die Ukraine. Langfristig sollen alternative Gas-Pipelines (Ostsee-Pipeline und Nabucco-Pipeline) die
Energieversorgung besser absichern.
Weitere Informationen:
- Klimawandel: 2050 – Die Zukunft beginnt heute, Europäisches Parlament, 04.02.09
- Die Lehren aus der Gaskrise: Entwurf für eine zukünftige Energiepolitik, Europäisches Parlament, 03.02.09
- „Zukünftige EU-Energiestrategie muss auf Solidarität basieren“, Europäisches Parlament, 02.02.09
- Russisches
Gas: EU-Parlament verlangt Energiegarantie, ftd.de, 03.02.09
Tschechien: EU soll Schwerpunkt auf Stromversorgung legen, Euractiv, 03.02.09 - Interview mit Alexander Medwedjew: „Wir jedenfalls haben uns nichts vorzuwerfen“, sueddeutsche.de, 28.01.09
- Verheugen stellt EU gutes Zeugnis für Vermittlung im Gaskonflikt aus: „Ein bizarrer Streit“, Deutschlandfunk, 18.01.09
- „Gaskrise sorgt für neuerliche Zweifel an Nabucco-Pipeline der EU“, Euractiv.com, 20.01.09
- Euractiv, weiterführende Informationen zur Energieversorgung in der EU
- Euractiv, 07.01.09: „Tschechische Ratspräsidentschaft: Energiesicherheit ganz oben auf Agenda“
- „Neue Gas-Pipelines sollen steigende Nachfrage befriedigen“, faz.net, 17.01.09
- „Jeder für sich – Europa in der Krise“, zeit.de, 15.01.09
- „Putin will EU-Kunden zur Kasse bitten“, fokus.de, 15.01.09
- „Europäer kehren mit leeren Händen aus Moskau zurück“, euractiv.com, 15.01.09
- „EU’s prestige at risk in continuing gas crisis“, International Herald Tribune, iht.com, 15.01.09
- „Wir können auf Kernenergie nicht verzichten“, Handelsblatt.com, 19.01.09
- „Wladimir Bismarck“, Sueddeutsche.de, 08.01.09
- „Die Gaskrise und das Versagen der EU“, DerStandart.at, 06.01.09
Ernste Versorgungsengpässe in der EU
Erneut sind die EU-Staaten Spielball des Konflikts. Russisches Gas, das in der EU ankommen sollte, „verschwand“ Anfang des Jahres auf dem Weg durch die Ukraine. Daraufhin stellte Moskau die Lieferungen am 7. Januar 2009 ein. Einige EU-Nationen sind davon massiv betroffen: Durch die Ukraine fließen 80 Prozent der russischen Gaslieferungen an die EU.
Ernste Versorgungsengpässe gibt es bereits in Mittel- und Osteuropa. Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Polen und die Slowakei riefen den Notstand aus. Auch in Deutschland warnen Gasversorger vor einem totalen Lieferausfall.
Gasexperten befürchten Schäden an dem teils maroden Pipelinenetz der
Ukraine, falls der Lieferstopp weiter andauert. Kritisch ist zudem, dass der
immense Energieverbrauch in der Ukraine nicht eingeschränkt wird (der Verbrauch
pro Kopf ist rund siebenmal höher als in Deutschland).
Weitere Informationen:
- Experte: “Russland hat kein Monopol. Moskau kann nur Druck ausüben, weil EU-Gasmarkt nicht funktioniert“, Wiener Zeitung, 28.01.09
- “Europe’s Pipeline War”, Spiegel.de/International, 27.01.09
- „EU looks for more than hot air out of Nabucco gas pipeline summit“, businessneweurope.eu, 26.01.09
- „EU treibt Nabucco-Projekt voran“, faz.net, 28.01.09
- Konferenz zur Nabucco-Pipeline in Budapest – ein energetisches Kräftemessen mit Russland: “Eine Frage von Zeit und Geld”, Wiener Zeitung, 28.01.09
- „EU fürchtet Gaskollaps“, Ftd.de, 08.01.09
- "Germany warns gas shortage imminent", Ft.com, 06.01.09
Neuer Aktionsplan für mehr
Energiesicherheit
Mit dem „EU-Aktionsplan für Energieversorgungssicherheit und -solidarität“ (Kommissionsvorschlag vom 13. November 2008) will die Europäische Union ihre Abhängigkeit von einigen wenigen Energielieferanten einschränken. Parlament und Rat werden in 2009 über den Plan beraten. Im Mittelpunkt stehen fünf wichtige Handlungsbereiche:
- Infrastrukturausbau und Diversifizierung der Versorgung
- Energieaußenbeziehungen erweitern
- ein besseres Erdöl-Bevorratungssystem und wirksame interne Krisenmechanismen
- Energieeffizienz ausbauen
- erweiterte Nutzung der Energieressourcen in der EU
Weitere Inforamtionen:
- „EU: 3,5 Milliarden für Energiesicherheit“, Handelsblatt.com, 27.01.09
- „Run auf das Riesen-Reservoir“, spiegel.de, 22.01.09
- Strategien zur europäischen Energiesicherheit – 2. Strategischer Energie-Review
- Aktionsplan Energiesicherheit und -solidarität
Ausbau der Energie-Infrastruktur
Insbesondere bei den Gasimporten sind viele EU-Mitgliedstaaten von einem einzigen Versorger abhängig (vorrangig von Russland). Die Kommissions-Vorschläge im zweiten „Strategieplan zur Energiepolitik“ (ebenfalls vorgestellt am 13. November 2008) sollen diese Situation verbessern. Ein wichtiges Ziel ist der Ausbau von Infrastruktur gemeinsam mit Nachbarländern.
In europäischer Reichweite befinden sich die größten Gasvorkommen der Welt: in Sibirien, Nordafrika, im Mittleren Osten und der Arktis. Sechs Infrastrukturprojekte und intensive Energieaußenbeziehungen mit Russland, Moldawien, der Ukraine, aber auch Ländern aus dem Mittelmeer- und kaspischen Raum sind in der Planung.
Ein wichtiges Vorhaben ist die Nabucco-Gas-Pipeline vom Kaspischen Meer bis Österreich, die mehr Unabhängigkeit von russischem Gas ermöglicht. Ein mediterraner Energiering soll Europa zukünftig die Solar- und Windstrompotenziale Nordafrikas erschließen.
Allerdings sind die Investitionssummen für diese Vorhaben gigantisch (Bau
von Pipelines und Versorgungsnetzen, Erschließung neuer Öl- und Gasfelder).
Diese Summen kurzfristig aufzubringen, ist aufgrund der Wirtschafts- und
Finanzkrise eher unwahrscheinlich.
Weitere Informationen:
- „Brüssel will Agrar-Milliarden in Energieprojekte stecken“, wirtschaftsblatt.at, 28.01.09
- „Ein Bypass für die Gasversorgung. Nabucco-Start erst 2015 realistisch“, Wiener Zeitung, 28.01.09
- „Wichtige Pipelines in Zentral- und Osteuropa“, nachrichten.at, 28.01.09
- Steven Green, Kazakhstan Institute of Management, Economics and Strategic Research: “Georgia and the Nabucco Project”, geotimes.ge, 26.01.09
- „Nabucco: Bypass für Europa“, handelsblatt.de, 26.01.09
- „Erdogans Energie-Spiel“, Fr-online.de, 20.01.09Grünbuch zum Thema Energienetzwerke
- Projekt „Nabucco“ für Europa, Faz.de, 18.01.09
- Nabucco-Pipelne hat große Konkurrenz, fr-online.de, 09.01.09
- “Solarstrom aus der Wüste”, Deutschlandfunk, 02.01.09
EU-weite Krisenpläne
Der Gemeinschaftsmechanismus in der Europäischen Union reicht für eine effektive und zeitnahe Krisenreaktion derzeit nicht aus. Zwischen den Staaten besteht ein Transparenzproblem, beispielsweise bei Daten und Maßnahmen zur Sicherung der Gasversorgung. Dabei ist Erdgas derzeit der zweiwichtigste Energieträger im Energiemix der EU. Der Anteil liegt bei einem Viertel des Bruttoinlandverbrauchs.
Bei Engpässen, die in Zukunft öfter auftreten können, müssen sich die EU-Staaten stärker gegenseitig stützen. Energiedepots rücken hierbei in den Fokus. Auch Notpläne sollen zukünftig für Krisen bereitliegen. Die Kommission will die Abhängigkeit von einigen wenigen Energieversorgern auch durch den Ausbau heimischer Ressourcen und erneuerbarer Energien verringern. Eine gemeinsame EU-Energieaußenpolitik mit „einer Stimme“ soll Energieimporte aus Nicht-EU-Staaten langfristig sichern.
Die EU muss ihre Energieabhängigkeit dringend
senken. Ansonsten bleiben einzelne Mitgliedstaaten und die EU insgesamt bei der
Energieversorgung Spielball externer Kräfte.
Weitere Informationen:
- „Rattled by gas transit row, German firms eye LNG“, guardian.co.uk, 27.01.09
- "Pipelines, Politics and Power - The future of EU-Russia energy relations", CER Publication, contributions by Pavel Baev, Vaclav Bartuska, Christian Cleutinx, Clifford Gaddy, Roland Götz, Daniel Gros, Barry Ickes, Andrey Konoplyanik, Konstantin Kosachev, Tatiana, Mitrova, Andris Piebalgs, Jeffery Piper, Pawel Swieboda, Dmitri Trenin and Sergey Yastrzhembsky; edited by Katinka Barysch, October 2008
- "Why Ukraine matters to Europe", by Tomas Valasek, CER Publication, December 2008

