Europa muss Verantwortung für Tierversuche übernehmen
Paviangruppe im Außengehege. Quelle: DPZ

Bild: Paviangruppe im Außengehege. Quelle: DPZ


Am 5. Mai 2009 stimmte das Europäische Parlament in Erster Lesung über eine neue Richtlinie zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere ab. Die Abgeordneten forderten einen vollständigen Ersatz von „Forschungsverfahren“ mit lebenden Tieren, sobald dies wissenschaftlich möglich ist.

Den EU-Mitgliedsstaaten sind darüber hinaus durchaus strengere nationale Maßnahmen freigestellt, wenn diese den Schutz der Versuchstiere verbessern.

"Tierversuche müssen  nach strengen moralischen und wissenschaftlichen Gründen  erfolgen und dürfen nur dann stattfinden, wenn es keine Alternativen gibt und wenn es darüber hinaus aus wissenschaftlichen Gründen absolut notwendig ist, wie z.B. bei der Überprüfung von Impfstoffen", so Erika Mann.

Erika Mann hat selbst mehrfach Gespräche mit Forschern eines der größten und international anerkanntesten Primatenzentren, dem Deutschen Primatenzentrum in Göttingen, geführt. Göttingen gehört zum Betreuungsgebiet von Erika Mann. In vielfachen Gesprächen und Besuchen hat sie sich davon überzeugt, dass die Forscher selber hohe ethische und moralische Ansprüche an ihre Arbeit stellen. Gleichwohl sind sie von der wissenschaftlichen Notwendigkeit ihrer Arbeit überzeugt.


Überarbeitung der alten Richtlinie

Bislang gilt zum Schutz von Versuchstieren die Richtlinie 86/609/EEC aus dem Jahr 1986. Einige Mitgliedsstaaten, darunter Deutschland, erließen seitdem eine Reihe von nationalen Vorschriften. Auch das Abkommen von Amsterdam erhöhte 1997 mit einem Tierschutz-Protokoll die Standards.

Am 5. November 2008 legte die Europäische Kommission ihren Vorschlag zur Überarbeitung der Richtlinie 86/609/EEC vor. Ein Ziel ist, den Binnenmarkt zu harmonisieren. Bislang gelten EU-weit bei Tierversuchen unterschiedliche Rahmenbedingungen für Industrie und Forschung. Der Schutz der Tiere, die in wissenschaftlichen Verfahren eingesetzt werden, soll gemäß des Protokolls über den Tierschutz und das Wohlergehen der Tiere zum EG-Vertrag erhöht werden.

Über den Kommissions-Entwurf beriet der Ausschuss für Landwirtschaft (AGRI) federführend am 31. März 2009 und erarbeitete einen Bericht für die Abstimmung im Parlament (Berichterstatter Neil Parish).

Die abschließende Beratung des Richtlinien-Vorschlags erfolgte am 3. April 2009 im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie (ITRE), dem Erika Mann als stellvertretendes Mitglied angehört. Erika Mann reichte eine Reihe von Änderungsanträgen zum Richtlinienentwurf ein, die teilweise die Position des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen berücksichtigen.


Schrittweiser Ausstieg aus der Primatenforschung

Rund 12 Millionen Tiere werden jedes Jahr in der Europäischen Union im Rahmen von wissenschaftlichen Versuchen eingesetzt. Darunter sind rund 10.000 nichtmenschliche Primaten wie Makaken und Rhesus-Affen, deren Genetik dem Menschen ähnelt. Ihre hoch entwickelte Neurophysiologie ist für die Hirnforschung wertvoll und derzeit unverzichtbar.

Die  EU- Parlamentarier forderten am 5. Mai 2009 die schrittweise Einstellung wissenschaftlicher Verfahren mit nichtmenschlichen Primaten. Die Kommission soll hierfür eine Strategie erarbeiten.

Neil Parish, Mitglied des EU-Landwirtschaftsausschusses, hatte in seinem Bericht ein sofortiges Verbot aller Versuche an Menschenaffen und in freier Wildbahn gefangenen Primaten gefordert. Aus ethischen Gründen sowie auch im Hinblick auf den Tier- und Artenschutz sei es äußerst wichtig, dass auch die Versuche an direkten Nachkommen von in freier Wildbahn gefangenen Primaten schrittweise eingestellt werden.

Der zur Abstimmung stehende Bericht von Neil Parish warnt aber vor einem Verbot von Versuchen mit bestimmten, anderen Primaten-Arten: Hierdurch würde die europäische Forschung gegenüber amerikanischen oder asiatischen Wettbewerbern benachteiligt.


Haltung von Erika Mann

Bislang ist Hirnforschung ohne Versuche an nichtmenschlichen Primaten wie Makaken und Rhesus-Affen leider nicht denkbar. Und bislang besteht die Notwendigkeit, wissenschaftliche Testreihen an nichtmenschlichen Primaten bei der Entwicklung von Impfstoffen durchzuführen. Die drohende Pandemie durch Virusgrippen, wie die aktuell herschende "Schweinegrippe" (H1 N1 A-Virus),  führt uns wieder einmal vor Augen,  dass die Menschheit wie in der Vergangenheit (Pocken, etc.) durch Virusinfektionen dramatisch gefährdet ist.

Mit einem generellen Verbot kämen äußerst wichtige Forschungsfelder wie die Krebs-, Parkinson- oder Alzheimerforschung ins Stocken. Fortschritt blieben aus, beziehungsweise auf das nichteuropäische Ausland beschränkt. Wir müssen uns deshalb die Frage stellen, welches Handeln ethisch und moralisch verantwortlich ist: bestimmte, ausgewählte wissenschaftliche Versuche zuzulassen oder diese zu verbieten und dadurch aus dem europäischen Forschungsraum zu verdrängen. Gleichwohl  würde die Forschung dann in anderen Teilen der Welt stattfinden.  

Sowie wir eine Alternative haben, sollten wir selbstverständlich Primatenversuche verbieten. Bis dahin aber wäre ein Verbot innerhalb von Europa nur die Verdrängung einer Verantwortung. Ich bin der Meinung, dass wie diese Verantwortung tragen müssen und nicht in andere Länder wie China abschieben dürfen. Wir müssen sie auch deshalb tragen, weil in vielen Teilen der Welt die Tierschutz-Auflagen weitaus schlechter sind als in Deutschland und Europa.

Das Deutsche Primatenzentrum in Göttingen ist weltweit mit führend. Die deutsche Politik hat bereits hohe Standards bei Tierversuchen eingeführt, die weit über der 1986 verabschiedeten EU-Richtlinie 86/609 liegen. Das hat den internationalen Erfolg der Göttinger Wissenschaftler nicht geschmälert. 

Probleme sehe ich aber auch in Deutschland durch mögliche Einschränkungen der Grundlagenforschung, wie bereits 2008 an der Universität Bremen bei der Primatenforschung des führenden Neurowissenschaftlers Andreas Kreiter geschehen. 

Die neue  EU-Richtlinie wird nach den international führenden moralischen und ethischen Standards arbeiten. Dies bedeutet im Übrigen, dass dadurch weniger Versuchstiere leiden werden.

Ich unterstütze die EU-weite konsequente Anwendung des so genannten 3R-Prinzips (Replacement, Reduction and Refinement). Hiernach muss die Verwendung von Versuchstieren vermieden, verbessert und vermindert werden.


Weitere Informationen:

8. Mai 2009 17:32