Kritische Aspekte des 7. FRP
Grundlagenforschung
Die Entscheidung, dass die Förderung der Grundlagenforschung
durch einen Europäischen Forschungsrat erfolgen soll, ist im
Prinzip getroffen. Umstritten ist jedoch die Frage, wie groß der
Einfluss der Kommission bei der Errichtung sein soll. Die
Kommission schlägt vor, dem Wissenschaftsrat eine spezielle
Durchführungsstruktur (Exekutivagentur) für die
Programmdurchführung an die Seite zu stellen (womit ihr Einfluss
vergleichsweise groß bleibt).
Im Anschluss an eine unabhängige Bewertung der Effizienz dieser EFR-Struktur soll dann ggf. über eine alternative Struktur (evt. nach Art. 171 EGV) des Forschungsrates entschieden werden. Der Berichterstatter hat in Anlehnung an den Locatelli-Bericht eine rechtlich unhabhängige Struktur für den EFR nach Artikel 171 EGV von Beginn an vorgeschlagen. Die europäische Forschungsgemeinschaft drängt vor allem auf den Aspekt der Unabhängigkeit, ohne die ein solches Vorhaben nicht zu realisieren ist.
Die Vorteile des Art. 171 EGV mit Blick auf die Unabhängigkeit liegen klar auf der Hand. Al-lerdings birgt der Buzek-Vorschlag auch Probleme, denn das Parlament ist bei der Errichtung einer Struktur nach Art. 171 weitgehend außen vor und kann nur über neue, zu konstruierende Strukturen (z.B. einem Beirat) eingreifen. Weitaus größeren Einfluss bei und nach der Er-richtung des EFR nach Art. 171 haben allerdings die Mitgliedstaaten, die häufig nach dem Prinzip des 'just return" entscheiden, was für die Unabhängigkeit der Entscheidungen des EFR auch nicht förderlich sein dürfte. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass der Vorschlag auch von uns kommt. EM hat ihn im Rahmen des Locatelli- Berichts aus gutem Grund eingebracht. Strategisch gesehen ist der Vorschlag sinnvoll und er sollte in gewandelter Form (ÄA) von uns unterstützt werden.
Mobilität
Der Förderung von Humanressourcen und der Mobilität von Forschern
kommt weiterhin wachsende Bedeutung zu. Dazu gehört auch das
Heranführen der Jugend an die Wissen-schaft, die Anwerbung von
europäischen Wissenschaftlern die bereits in Drittstaaten tätig
sind, die Kooperation und der Austausch mit Wissenschaftlern aus
Drittstaaten und bessere Karrieremöglichkeiten für Frauen.
Der Berichterstatter führt den Begriff des "jungen Forschers" ein, eine Gruppe, die speziell gefördert werden soll. Die Einführung dieses Konzepts widerspricht allerdings den Nichtdiskriminierungsregeln der EU und kann somit nicht unter-stützt werden. Besser wäre ein Konzept, das auf der Dauer der Forschungserfahrung basiert. Die finanziellen Vorschläge des Berichterstatters müssen in erster Linie unter dem Gesichts-punkt der zu erwartenden Kürzungen gesehen werden.
Verknüpfung Struktur-/Kohäsionfondsmittel mit dem
FRP
Investitionen aus den Strukturfonds in forschungsrelevante
Bereiche (Infrastrukturen, Cluster, spin-offs etc.) sind bereits
heute in vielen Regionen gängige Praxis. Der Berichterstatter
schlägt allerdings viele neue Instrumente vor und greift vielfach
direkt in die rechtliche Regelung der Strukturfonds/Kohäsionfonds
ein. Problematisch ist v.a. der Ansatz, Forschungsmittel zur
Erfüllung der Kohäsionsziele einzusetzen, der bereits im
Vorschlag der Kommission bei Kapazitäten - Forschungspotenzial
durchscheint.
Dies darf nicht akzeptiert werden. Die europäische Forschungsförderung muss in jeder Hinsicht vom Kriterium der Exzellenz geleitet sein, wohingegen für die Regionalpolitik das Kriterium der Kohäsion gelten sollte. Beide Krite-rien schließen sich nicht aus, eine Vermischung wie es der Berichterstatter vorschlägt, ist allerdings problematisch. Zwar sollten Mittel aus den Strukturfonds/ Kohäsionsfonds für die Forschungsförderung eingesetzt werden, nicht aber anders herum.
Das Hauptanliegen der EU sollte daher sein, auf der einen Seite eine ausgewogene Kohäsionspolitik zu gestalten, die auch Forschung und Innovation in den betroffenen Regionen fördert und die auf der anderen Seite aber sicherstellt, dass F&E Mittel tatsächlich die Spitzenforschung unterstützen.
Höchst problematisch ist der Vorschlag des Berichterstatters, das Kriterium der Kosteneffizienz für die Auswahl von Projekten einzuführen. Dahinter steckt klar die Strategie den Regionen in den neuen Mitgliedstaaten einen Vorteil einzuräumen (niedrigere Löhne führen auch zu niedrigeren Kosten in der Forschung). Die SPE lehnt diese Strategie klar ab (auch die KOM).
KMU
Für die Beteiligung der Wirtschaft, insbesondere für KMU, müssen
günstigere Teilnahmebedingungen geschaffen werden (Abbau von
Bürokratie, Verbesserung der Zugangsmöglichkeiten). Dies ist ein
altes Thema und die Situation scheint sich von RP zu RP nicht zu
verbessern. Für das 6. FRP hatte das Europäische Parlament eine
Mindestbeteiligung der KMU von 15% gefordert. Diese Schwelle
wurde nach Aussagen der Kommission jedoch nicht erreicht;
problematisch ist zudem, dass die Kommission über die Teilnahme
von KMU an einzelnen Projekten keine genauen Angaben machen kann.
Es ist daher notwendig, die Beteiligungsregeln für das 7. FRP
tatsächlich so zu gestalten, dass eine höhere Beteiligung der KMU
möglich wird.
Risikofinanzierung: Fazilität für Finanzierungen auf
Risikoteilungsbasis
Für die Forschung für spezielle Gruppen, insbesondere KMU,
schlägt die Kommission für das 7. FRP eine neue
Risikofinanzierung vor, die als Anregung für private Unternehmen
zu verstehen ist, verstärkt Investitionen in F&E zu tätigen.
Danach wird die Gemeinschaft zusätzlich zur direkten finanziellen
Unterstützung von Teilnehmern den Zugang zu EIB-Darlehen über die
"Fazilität für Finanzierungen auf Risikobeteiligungsbasis"
verbessern, indem sie einen Zu-schuss an die Bank leistet. Die
Bank wird den Gemeinschaftszuschuss neben ihren eigenen Mitteln
für die Rückstellungen und die Kapitalzuweisung für ihre
Darlehensfinanzierung ver-wenden. Unterstützt werden soll damit
Forschung, die ein gewisses Finanzvolumen benötigt und die
gleichzeitig im Risikobereich operiert.
Technologietransfer
Die Umsetzung von Forschung in die konkrete Praxis ist für
Innovation und internationale Wettbewerbfähigkeit von enorm hoher
Bedeutung. Leider ist dieser Bereich in den Program-men der EU
aus vielen Gründen bislang nicht ausreichend berücksichtigt
worden.
In der Forschungspolitik wird immer wieder vom "Europäischen Paradoxon" gesprochen. Die-ses besteht darin, dass Qualität und Quantität der europäischen öffentlichen Forschung im Großen und Ganzen exzellent sind, die Umsetzung der Forschungsergebnisse in wirtschaftlich leistungsfähige Erzeugnisse und Dienstleistungen aber deutlich weniger gut gelingt und Europa dabei hinter den USA und Japan zurück bleibt. Für die Förderperiode 2007-2013 hat die Kommission daher ein Begleitprogramm für das Forschungsrahmenprogramm vorge-schlagen: das Programm für Innovation und Wettbewerb (CIP).
Die Mittelausstattung hätte sich nach Vorstellung der Kommission auf 4,2 Mrd. Euro belaufen. Allerdings sind auch hier im Rahmen des vorläufigen Ergebnisses der Verhandlungen über die Finanzielle Voraus-schau Kürzungen beschlossen worden. Demnach kann von ca. 3,284 Mrd. Euro für das CIP ausgegangen werden. Hinzu kommen für die KMU-Förderung (u.a. CIP) 30 Mrd. Euro in Form von Krediten durch die EIB.
Das CIP-Programm soll das 7. FRP ergänzen. Es setzt dort an, wo der Bereich der Forschung verlassen wird und die Umsetzung in innovative Produkte beginnt. Überschneidungen der Programme oder gar eine gegenseitige "Kannibalisierung" der Fördergelder sollten vermieden werden.
Der Technologietransfer soll vor allem über das CIP gefördert werden. Die KMU sollen hier verstärkt berücksichtigt werden.
European Institute of Technologie (EIT)
Um die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu stärken, hat die
Kommission unabhängig vom 7. FRP vorgeschlagen, eine technische
Elite-Universität, das European Institute of Technologie (EIT) in
Europa nach dem Vorbild des Massachusetts Institut for
Technologie (MIT), Cam-bridge, USA, aufzubauen. Zwar ist eine
grundsätzliche Stärkung der europäischen Forschungslandschaft
sowie das angestrebte Netzwerk von Wissensgemeinschaften zu
begrüßen, insgesamt jedoch ist das Vorhaben eines erst neu zu
gründenden Europäischen Technologieinstituts abzulehnen.
Stattdessen sollten die vorgesehenen Mittel besser in eine bestehende Hochschule investiert und die europäische Forschungslandschaft in ihrer Breite gefördert werden - Europa verfügt bereits jetzt über ausgezeichnete technische Universitäten, die jedoch einer deutlich höheren finanziellen Ausstattung bedürfen, um in die internationale Liga der führenden Universitäten und Forschungseinrichtungen aufzusteigen.
Finanzen
Die Problematik zur Finanzierung des 7. FRP ist bereits in diesem
Text behandelt worden. Erschwert werden wird die Diskussion im
Ausschuss und in der PSE Gruppe durch konkurrie-rende Vorschläge,
die darauf abzielen, entweder die von der Kommission
vorgeschlagene Themenbreite zu kürzen oder die vorgesehene
Finanzierung für bestimmte thematische Be-reiche auf andere
umzulenken.
Informations- und Kommunikationsforschung
Mechthild Rothe schlägt in einem Änderungsantrag vor, den
Finanzierungsvorschlag der Kommission für den IKT Bereich von
12,670 Mrd. Euro auf 11,670 Mrd. Euro zu kürzen, und den
gekürzten Betrag von 1 Mrd. Euro stattdessen der Forschung im
Energiebereich zukommen zu lassen.
Aus unserer Betrachtung ist es grundsätzlich zu unterstützen, dass der Energiebereich und hier vornehmlich der Bereich Erneuerbare Energien und Energieeffizienzmaßnahmen, ein hö-heres Budget bekommen, um diesen für uns deutsche Sozialdemokratinnen und Sozialde-mokraten wichtigen Bereich im Vergleich zu anderen Energiequellen (wie die Kernenergie) stärker zu fördern.
Nicht zu empfehlen ist jedoch die Kürzung des IKT-Budgets. Forschungsinvestitionen in den IKT-Bereich sollten nicht gekürzt werden. Der IKT Sektor macht 6,5% am BSP der EU aus (weltweit 34%), 25% des gesamten Wachstums in der EU werden hier generiert und 40% des Produktivitätswachstums kommen aus diesem Bereich. Hinzu kommt, dass Forschungen in diesem Bereich quasi Investitionen in anderen Forschungsbereichen unterstützen, z.B. Transport, Luftfahrt, Medizin, Sicherheit. Es gibt kaum einen Bereich, der nicht von IKT-Forschungsinvestitionen profitiert. Der Wohlstand unserer Gesellschaft wird in der Zukunft noch stärker von Investitionen abhängen, die im IKT-Bereich getätigt werden. Alle wirtschaftlich starken Regionen und Staaten zeichnen sich durch eine erhebliche Unterstützung dieses Sektors aus, dazu gehören auch die Erfolge der Schwellenländer, z.B. Indien und China.
Stammzellenforschung und Bioethik
Auch in den vorhergehenden Rahmenprogrammen war diese Problematik
in- und extern sehr umstritten. Erschwert werden könnte sie für
die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten dieses Mal durch die
Konstellation der Großen Koalition in Berlin. Peter Liese (EVP)
baut einen starken Widerstand gegen jede Form von
öffentlicher/europäischer Forschung in diesem Bereich auf und
Deutschland schlägt ein Verbot für „Forschungsaktivitäten mit
überzähligen menschlichen Embryos aus in-vitro-Befruchtung,
einschließlich der Beschaffung von Stammzellen“ vor. Zusätzlich
wünscht Deutschland in den bioethischen Leitlinien (Annex V) für
die Finanzierung „detaillierte“ Angaben und fordert überdies die
Festlegung detaillierter Durchführungsbestimmungen für
Forschungsaktivitäten dem Regelungsverfahren zu unterwerfen.
Für Deutschland ist besonders wichtig, eine Formulierung zu finden, die der deutschen Rechtssituation auf europäischer Ebene ausreichend Rechtsicherheit verleiht (Verbotsbestand rechts-technisch präzise zu erfassen). Einen Konflikt könnte es auch mit der Linie der Fraktion geben, da der sozialdemokratische Schattenberichterstatter Busquin eine sehr Kommissionsnahe Auffassung vertritt.
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